Hoch oben in einem stillen Alpental lebte einst ein angesehener Gutsherr namens Matthias. Sein Hof war weitläufig, seine Ernten zuverlässig, und sein Name genoss im ganzen Tal großen Respekt. Nach außen hin schien sein Leben von Stabilität und Ordnung geprägt zu sein.
Doch innerlich war Matthias unruhig.
Eine kaum greifbare Angst begleitete ihn Tag und Nacht – die Furcht, das zu verlieren, was er ĂĽber Jahre hinweg aufgebaut hatte. Diese Angst lieĂź ihn rastlos werden. Er plante, organisierte und kontrollierte unaufhörlich. Stillstand war fĂĽr ihn gleichbedeutend mit Gefahr.
Als ein ungewöhnlich trockener Sommer das Tal heimsuchte, begann der nahegelegene Bach, der seinen Hof seit Generationen versorgt hatte, allmählich zu versiegen. Mit jedem Tag, an dem das Wasser knapper wurde, wuchs Matthias’ Sorge.
Getrieben von dem Wunsch nach absoluter Sicherheit, fasste er einen Entschluss:
Er wĂĽrde mehrere Brunnen gleichzeitig graben lassen, um sich gegen jede Unsicherheit abzusichern.
An drei verschiedenen Stellen seines Landes begannen die Arbeiten. Überall wurde geschaufelt, gehämmert und geplant. Anfangs erfüllte ihn der Anblick mit Zuversicht. Er glaubte, klüger zu handeln als alle anderen.
Doch schon bald zeigte sich ein anderes Bild.
Die Gruben wurden breiter, aber nicht tiefer. Der Boden blieb hart und trocken. Matthias eilte unaufhörlich von einer Baustelle zur nächsten, gab Anweisungen, korrigierte Details und verlor sich zunehmend im Chaos seiner eigenen Strategie.
Seine Kräfte schwanden, seine Mittel ebenfalls – doch Wasser fand sich nirgends.
Eines Tages begegnete ihm eine alte Frau, die im Tal fĂĽr ihre ruhige Weisheit bekannt war. Ohne viele Worte bat sie ihn, ihr eine der Gruben zu zeigen.
Dort angekommen, nahm sie die Schaufel und begann, langsam und gleichmäßig zu graben. Ohne Hast. Ohne Ablenkung.
Matthias beobachtete sie zunächst irritiert, doch dann übernahm er selbst die Arbeit. Dieses Mal jedoch anders.
Er konzentrierte sich ausschließlich auf den nächsten Handgriff. Kein Gedanke an die anderen Baustellen. Kein Druck, sofort Ergebnisse zu sehen.
Nur der Moment. Nur die Bewegung.
Nach einiger Zeit veränderte sich der Boden. Er wurde dunkler, feuchter – und schlieĂźlich begann Wasser aufzusteigen.
Matthias hielt inne. Zum ersten Mal seit Langem war sein Geist still.
Die alte Frau sah ihn an und sagte ruhig:
„Du hast deine Kraft verteilt, statt sie zu bĂĽndeln. Tiefe entsteht nicht durch Vielheit, sondern durch Hingabe an einen einzigen Weg.“
Diese Worte veränderten alles.
Matthias lieĂź die ĂĽbrigen Gruben schlieĂźen und richtete seine gesamte Aufmerksamkeit auf diesen einen Brunnen. Mit Geduld und Klarheit vertiefte er ihn weiter – und das Wasser blieb.
Doch noch wichtiger war die Veränderung in ihm selbst.
Er wurde ruhiger. Präsenter. Klarer in seinen Entscheidungen.
Als man ihn später fragte, wie er seinen Hof gerettet habe, antwortete er:
„Ich habe aufgehört, alles gleichzeitig erreichen zu wollen – und begonnen, einer Sache wirklich in die Tiefe zu folgen.“

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